Liebe Karin!

Ich habe eine Freundin, die hat einen winzigen Buchladen in Los Llanos. Wenn das neue Schuljahr anfängt, bringt sie die Schulbücher bis nach Garafia, bis da alles beisammen ist, muss sie bestimmt 10 mal fahren. Bei der handelsüblichen Gewinnspanne im Buchhandel frage ich mich oft, wie sie eigentlich ihr Geschäft macht. Jedenfalls gibt es keinen Aufpreis für den Transport, dafür laden wir sie dann auf einen Kaffe ein, wenn sie schon so weit gefahren ist.
Und wenn ich in Los Llanos bin, ist ein Besuch bei ihr obligatorisch. Gestern hat sie mir erzählt, dass sie schwanger ist und sich riesig freut. Wir mussten lachen bei der Vorstellung, wie sie sich wohl in einem halben Jahr zwischen all den Bücherstapeln und Papieren noch bewegen will, da muss sie wohl ihr Sortiment mindestens halbieren. Manche dieser kleinen alten Läden sind wirklich nur für die ganz dünnen Leute ausgelegt, die anderen werden auf der Strasse bedient.
Draussen traf ich dann eine alte Bekannte. Sie stieg gerade aus einem ganz neuen und bestimmt sehr teuren Auto aus, zu dem ich dann beglückwünscht habe. Trotzdem ginge es ihr überhaupt nicht gut, sagte sie. Sie sei fast rund um die Uhr mit ihrem 20-jährigen Sohn beschäftigt, dem ginge es sehr schlecht. Ich hatte ihn kurz zuvor gesehen, er sah ganz fröhlich und munter aus, ich konnte mir nicht erklären, was ihm fehlen soll. “Der kann nichts machen, nur das Leben geniessen”, sagte sie wörtlich, da war ich schon reichlich verdutzt. Wo ist denn da das Problem geblieben???
Sicher ist es schwierig bis unmöglich, bei so einer kurzen Begegnung in Eile mit zwei Sätzen zu erklären, wie es einem geht, wo man gerade steht usw. Unter den Einheimischen ist es obligatorisch, sich nach dem Befinden zu erkundigen, egal, wie gut man sein Gegenüber kennt, genauso obligatorisch ist es aber auch, mit “gut” zu antworten, wenn man gefragt wird, und wenn es einem noch so schlecht geht. Für mich ist das immer eher so ein Anlass, hinzuschauen und zu sehen, dass es einem ja wirklich gut geht, man hat es ja gerade selber gesagt, und schon kehrt sich die Laune um. So einfach ist das, und was gibt es Besseres, als das Leben zu geniessen?
Auch für diesen Brief gibt es ein Foto.
Liebe Grüsse! Antje