Liebe Karin! Lieber Peter!
Die Fiesta San Antonio wird überall auf den kanarischen Insel gefeiert so wie eigentlich jeder Schutzpatron und jede Art von Maria. Wenn der Ort dann zufällig noch diesen Namen trägt, ist es das wichtigste Fest des Jahres. Maria Centinela ist die Wächterin, also heißen viele Orte an der Küste so, die geeignet sind, um Piraten zu erspähen.

Dafür muss man sich natürlich einmal im Jahr vor Ort bedanken und dazu die Geschenke des Meeres verspeisen, also Paella für alle, die kommen. “Unser” Centinela liegt auf der äussersten Nordwestspitze der Insel, man kommt traditionell und auch aus technischen Gründen zu Fuss zur Fiesta, da hat man dann schon eine mindestens zweistündige Wanderung hinter sich und ist entsprechend hungrig und durstig.

Viele alte Bräuche und Feste sind dazu da, böse Geister zu vertreiben, wir sind eigentlich optimal geschützt. Wenn aber doch mal alles schief läuft, die Kartoffelpflanzen krank werden, ein Vulkan auszubrechen droht oder ein Sturm aufzieht, heisst es “hay moros al la costa” , die bösen Mauren sind an allem schuld, das ist ja gerade wieder sehr modern.
Die Plaza von Garafia trägt den Namen eines tragischen Helden, der seinerzeit mit ein paar Ziegenhirten von hier loszog, um Piraten zu vertreiben, die die Inselhauptstadt überfallen hatten. Es ist ihm mit seiner Bauernhorde tatsächlich gelungen, die Piraten in einer Strassenschlacht zu besiegen, aber als er sich anschliessend in der Kirche kniend vorm Altar bei Gott dafür bedanken wollte, ist er von hinten von einem Mönch, der ihn für einen verirrten Piraten hielt, erschlagen worden. So wird Heldentum, Ruhm und Brauchtum hierzuland auch immer ein bischen “ad absurdum” geführt und gefeiert, was mir die Geschichte trotz Mord und Todschlag sympathisch, fast lustig, erscheinen lässt.

Zu jeder Fiesta gehört eine heilige Messe und eine Prozession, die alten Bräuche vermischen sich oft auf merkwürdigste Art mit den Riten der katholischen Kirche.
In Garafia besteht der Ort San Antonio aus ein paar Häusern und einer Kapelle, aber es gibt sehr viel ebenerdigen Platz drumherum, was auf den Kanaren eher selten ist, aber ideal für grosse Feste. Diese Fiesta ist speziell den Haustieren gewidmet. Jeder, der ein Tier dorthin bringt, bekommt eine Prämie, wobei kanarische Rassen besonders bevorzugt werden, z.B. die Garafiano-Hunde und die kleinen schwarzen Schweine, auch Käse und Wein werden prämiert. Die Prämien sind hoch genug, dass es sich für viele Bauern wirklich lohnt, das Geld reicht auf jeden Fall aus, um das betreffende Tier ein Jahr lang davon zu ernähren bis zum nächsten Fest.

Nebenbei wechselt bestimmt so manches der Tiere seinen Besitzer oder es werden männliche Tiere für die Zucht ausgesucht, auch wenn es sich nicht direkt um einen Viehmarkt handelt. Jeder Teilnehmer bekommt ausserdem ein gutes, reichliches Mittagessen, manche kommen schliesslich von weit her angereist, einige sogar von den Nachbarinseln. Und natürlich ist die ganze Familie dabei. Weil das Fest über zwei Tage geht, kommen auch viele mit Zelten, da bilden sich lauter kleinere Festkreise mitten im Gelände, so wie bei Euch auf einem Hippiefestival aber mit dem Unterschied, dass hier von der Oma bis zum Säugling alle dabei sind, die Fiesta ist für alle da. Unser Dorf ist dann jedenfalls völlig ausgestorben, alle Läden sind geschlossen, sogar die Kirche ist zugesperrt, kein Mensch sitzt mehr auf der Plaza.

Besonders nett fand ich dieses Mal, dass ich anschliessend vom Rathaus einen Brief bekommen habe, wo sie sich ganz herzlich dafür bedankt haben, dass ich teilgenommen habe und hoffen, dass ich nächstes Jahr wieder mit dabei bin.

Ich glaube daran, dass man “böse Geister” am besten vertreibt, indem man sich die “guten Geister” zu Hilfe holt, also schöne Musik macht, für ein harmonisches Ambiente sorgt und die Natur pflegt. Wenn es mal ganz dick kommt, mache ich ein Feuer in der Feuerstelle vor meiner Tür und verbrenne alles, was mich bedrückt. Im Sommer ist das leider nicht möglich, viel zu gefährlich und auch strengstens verboten, dann zünde ich halt meine Pfeife an. Und wenn ich mal jemand zum reden brauche und keiner da ist, (was allerdings selten vorkommt) dann gehe ich zu “meinem” Drachenbaum, da er für mich irgendwie Ruhe, Gelassenheit und Geborgenheit ausstrahlt, so alt, wie er ist.
Normalerweise leben die Leute auf dem Land aber so mit und von der Natur, dass wenig oder garkeine Zeit zum Träumen und Meditieren bleibt, dafür bestimmt das Wetter und die Jahreszeit den Alltagsablauf, Ich für meinen Teil bin ganz zufrieden damit, denn seit mein Freund gestorben ist, werde ich nur traurig, wenn ich die Angelegenheiten des Lebens gedanklich zu tief hinterfrage.
Um auf Fragen nach dem “Sinn” eine Antwort zu finden, ist für mich auch ein Besuch auf einem der hochtechnisierten Teleskope auf dem höchsten Berg der Insel durchaus sinnvoll. Dort bekommt man beim Betrachen der Sterne vorgeführt, wie nichtig und klein und völlig unwichtig man für die Existenz von allen ist, und als “kleiner Furz im Universum” kann man es sich schliesslich leisten, das kurze Leben dankbar als Geschenk anzunehmen und das Beste daraus zu machen.
Also bis bald! Viele Grüsse aus Garafia! Antje
P.S.: Gerade habe ich zwei Elektronik-Spezialisten im Gästehaus, einen aus Jever und einen aus Wien.